Trauer braucht Menschen, die bleiben.
Trauer braucht Menschen, die bleiben.
Wir sind Jelena und Cindy.
Uns verbindet eine über 20-jährige Freundschaft, unsere Kinder und das junge Mami-Sein.
Wir haben in dieser Zeit gemeinsam gelacht, uns über unsere Kinder ausgetauscht und Kindergarten- und Schulzeit, Lehrzeit und die erste Liebe unserer Kinder miteinander erlebt. Wir haben gelebt, gelacht und vieles geteilt.
Und irgendwann kam etwas dazu, von dem keine von uns gedacht hätte, dass es einmal einen so grossen Platz in unserem noch jungen Leben einnehmen würde:
Die Trauer.
Vor etwas mehr als zwölf Jahren verlor Cindy ihren besten Freund. Plötzlich. Von jetzt auf gleich war ein wichtiger Mensch, der zu ihrem Leben und zum Leben ihres Sohnes gehörte, nicht mehr da.
Jelena blieb. Während viele gingen.
Vor bald zwei Jahren starb Cindys Vater ebenso unerwartet. Wieder kein Abschiednehmen. Kein Vorbereiten auf das, was kommen würde. Eben war dieser Mensch noch da – und dann war er es nicht mehr.
Jelena blieb. Andere sind gegangen.
Und dann veränderten sich die Rollen.
Jelenas Bruder wurde krank. Sie begleitete ihn durch seine Krankheit und damit durch eine Zeit des Kämpfens, Hoffens und Bangens, in der der Abschied nicht plötzlich kam, sondern immer näher rückte.
Im Januar dieses Jahres verlor sie ihren Bruder.
Und Cindy blieb. Andere wurden ruhig.
Unsere Verluste waren unterschiedlich. Doch die Menschen, um die wir trauern, haben etwas gemeinsam:
Sie waren viel zu jung.
Und wir beide machten Erfahrungen, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.
Menschen sind nach einem Todesfall da – und verschwinden plötzlich.
Es wird erwartet, dass das Leben normal weitergeht.
Dass wir einfach wieder funktionieren.
Dass wir nicht mehr weinen.
Dass wir irgendwann „vergessen“.
Aber Trauer funktioniert so nicht.
Ein Mensch wird beerdigt. Aber die Beziehung zu ihm nicht.
Es kommt der erste Geburtstag ohne diesen Menschen. Ostern. Weihnachten. Ein Jahrestag.
Im Radio läuft plötzlich dieses eine Lied.
Da sind Orte, Gerüche, Sätze und Erinnerungen.
Sie verschwinden nicht einfach.
Und vielleicht ist genau deshalb aus unserer Freundschaft irgendwann noch etwas anderes entstanden:
eine Stimme.
Wir möchten Trauer eine Stimme geben.
Wir möchten darüber sprechen, was nach einem Verlust passiert – auch dann noch, wenn die Blumen verwelkt, die Beileidskarten weggeräumt und andere Menschen schon lange wieder in ihrem Alltag angekommen sind.
Aber wir möchten auch über die Trauer vor einem Tod sprechen.
Über Menschen, die wissen, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist.
Über Angehörige, die einen geliebten Menschen durch eine schwere Zeit begleiten.
Über Abschied und Angst.
Und darüber, was vielleicht noch gesagt werden möchte. Was noch erlebt werden möchte. Oder was ein Mensch denen hinterlassen möchte, die zurückbleiben müssen, weil er selbst viel zu früh gehen muss.
Wir kennen nicht jede Trauer.
Und wir werden niemals behaupten zu wissen, wie sich der Verlust eines anderen Menschen anfühlt.
Aber wir werden Trauer nicht zum Schweigen bringen wollen.
Bei uns darf geweint werden.
Wir kennen Trauer.
Nicht nur aus Büchern und Ausbildungen.
Sondern aus unserem eigenen Leben.
Jelena ist zertifizierte Trauerprozessbegleiterin und verarbeitet viele ihrer Gedanken zusätzlich in ihren eigenen Illustrationen. Cindy bildet sich zur Trauerbegleiterin weiter.
Und nach mehr als 20 Jahren Freundschaft sind wir noch immer das, was wir in all diesen Jahren immer wieder füreinander waren:
Da.
Vielleicht ist genau das manchmal das Wichtigste, was wir einem trauernden Menschen geben können.
Nicht die richtigen Worte.
Nicht Antworten auf alles.
Und auch keine Antwort darauf, wann es endlich besser wird.
Sondern einfach einen Menschen, der bleibt.
Jelena & Cindy
— Jelena Gmür, Kefikon / Cindy, Turbenthal, 21. Aug. 2026