Der Herbst hält Einzug und mit ihm stehen da Namen in meinem Kalender von Menschen, die nicht mehr an meiner Seite sind. Im September feierten wir Geburtstag. Schon zum zwölften Mal ohne dich – und trotzdem mit dir in unserer Mitte. Du warst bester Freund, Papa, Sohn, Bruder und Cousin. Du gingst viel zu jung. Heute feiern sogar deine Enkel deinen Geburtstag mit. Sie durften dich selbst nie kennenlernen und trotzdem kennen sie Geschichten von dir.
Wir essen dein Lieblingsessen.
Wir erzählen von dir.
Wir lachen über Erinnerungen.
Dein Name wird genannt.
Du fehlst. Und trotzdem gehörst du dazu.
Nur fünf Wochen später steht der Todestag meines Papis im Kalender. Auch er ging viel zu früh – vor zwei Jahren. Und plötzlich bin ich derselbe Mensch, der trauert – und doch fühlt sich alles anders an. Allein. Hier wird die Trauer nicht gemeinsam getragen. Jeder geht für sich.
Kein Zusammenkommen.
Kein gemeinsames Erinnern.
Kein: «Wie ist dieser Tag heute für dich?»
Vielleicht hat jeder sein eigenes Ritual, seine eigenen Gedanken und seine eigene Art, durch diesen Tag zu gehen. Ich weiss es nicht. Ich wandere auf einen Hügel und glaube, dir dort ein Stück näher zu sein.
Zwei Menschen, die mir fehlen.
Zwei besondere Tage.
Einmal wird die Erinnerung gemeinsam getragen.
Einmal trage ich sie allein.
Ich persönlich geniesse das gemeinsame Erinnern. Nicht, weil der Mensch dadurch weniger fehlt. Nicht, weil die Trauer irgendwann einfach vorbei ist. Sondern weil es gut tut, zu erzählen, zu lachen, zusammen zu sein. Vielleicht auch zu weinen und doch wieder zu schmunzeln. Und zu wissen: Da sind Menschen, die sich erinnern. Menschen, die seinen Namen noch kennen. Menschen, die bleiben.
Vielleicht haben wir manchmal Angst, einen Namen auszusprechen.
Angst, eine Wunde aufzureissen.
Angst, den anderen traurig zu machen.
Vielleicht wissen wir auch einfach nicht, was wir sagen sollen.
Doch vielleicht ist dieser Mensch längst in seinen Gedanken.
Vielleicht tut nicht sein Name weh.
Denn manche Tage bleiben besondere Tage. Ein Geburtstag. Ein Todestag. Ein Lied. Ein Ort. Ein Duft. Auch nach vielen Jahren.
Vielleicht brauchen wir in der Trauer deshalb gar nicht die richtigen Worte. Vielleicht brauchen wir jemanden, der bleibt.
Der Erinnerungen mit uns trägt. Der keine Angst vor unseren Tränen hat. Vielleicht sogar mit uns weint. Und der sich auch nach vielen Jahren noch zu uns setzt und sagt: «Erzähl mir von ihm.»
— Cindy Ebnöther, 29. Sep. 2026